Berlin
Unsere Vierlinge sind in der 35. Schwangerschaftswoche (SSW) geboren. Sie sind Frühchen, doch sie erfreuen sich bester Gesundheit und haben sich genauso gut entwickelt wie ihre beiden älteren Geschwister, die keine Frühchen waren. Zu verdanken haben wir das vor allem unserer weitsichtigen Gynäkologin, dem professionellen Klinikpersonal in Berlin, dem familiären Umfeld und der Stadt Potsdam.
Mit der Problematik, Frühchen zu bekommen, wurden wir schon früh konfrontiert. Die Entstehung unseres „dritten“ Kindes mit hormoneller Unterstützung wurde von unserer Gynäkologin sehr engmaschig begleitet. Bereits in der 7. SSW wussten wir, dass zunächst drei Embryonen im Bauch heranwachsen. Da unsere Gynäkologin bereits vor 20 Jahren nach drei erfolgreichen Schwangerschaften Fünflinge gebar, von denen leider nur drei überlebten, konnte sie unseren anfänglichen Schock durch eigene Erfahrung und gezielte Literaturangaben auffangen. Wir studierten die Literatur zu Mehrlingsschwangerschaften und damit immer verbunden die Problematik der Frühgeburt genau. Als beim Ultraschall in der 9. SSW – urlaubsbedingt von einer Kollegin unserer Gynäkologin – das vierte Kind entdeckt wurde, stellte sich uns vor allem eine Frage: Wie schaffen wir es, die drohende Frühgeburt und die daraus entstehenden Folgen abzufedern?
Leider wurden wir zunächst zu einer Schwangerschaftsberaterin geschickt, die nichts anderes im Sinn hatte, als uns zum „Fetozid“ zu überreden, zu einer Reduktion von vier auf zwei Kinder. Sie schilderte uns auch, mit welchen Schwierigkeiten wir ansonsten zu rechnen hätten, je nachdem in welcher Woche unsere Frühchen geboren werden würden. Der Frage, „Was können wir tun, damit sie so lange wie möglich im Mutterschoß verbleiben?“ blieb sie konsequent die Antwort schuldig. Für sie gab es keinen anderen Weg als die Reduktion.
Wir blieben standhaft und kehrten zu unserer vertrauten Gynäkologin zurück. Sie wusste, dass die Zufriedenheit der Eltern mit der Situation ausschlaggebend ist. So hat sie nacheinander alles getan und in die Wege geleitet, uns zu helfen. Zunächst galt es, unsere beiden anderen Kinder – 1 und 2½ Jahre alt – gut zu versorgen und eine Haushaltshilfe bei der Krankenkasse zu beantragen. Je länger die Schwangerschaft dauerte, desto weniger beweglich war die Mutter. Auf dem Sofa liegend im eigenen Heim wurden die Kinder bespielt und der Haushalt versorgt.
Nach und nach wurden aber die Stunden der haushaltlichen Hilfe gekürzt. Unsere Gynäkologin schrieb etliche Briefe und rechnete vor, dass alternativ ein Krankenhausaufenthalt der Mutter, die Fremdbetreuung der beiden Kinder sowie die möglichen Folgen für die zu früh geborenen Vierlinge für die Krankenkasse teurer wären. Mit Erfolg! Unsere Gynäkologin und wir wussten, dass das Wohlbefinden aller Familienmitglieder für die Entwicklung der Embryonen elementar wichtig war.
An der Berliner Charité gibt es glücklicherweise eine hervorragende Neonatologie, so dass die Klinikwahl außer Diskussion stand. Der dortige Sozialpädagogische Dienst bereitete uns noch während der Schwangerschaft behutsam auf die bevorstehende Frühgeburt vor. Wir wurden durch die Frühchenstation geführt, sahen Kinder mit 580 Gramm Geburtsgewicht, hörten vom „Känguruhn“ und bekamen von geschultem Personal alle erdenklichen Informationen, was Eltern für diese kleinen Wesen tun können. Die Oberärzte reagierten einfühlsam auf die individuelle familiäre Situation und haben nicht – wie bei Risikoschwangerschaften dieser Kategorie sonst üblich – auf die sofortige stationäre Aufnahme nach der 22. Woche bestanden. Ruhe und liebevolle Betreuung genossen Mutter wie Kinder in den letzten beiden Monaten der Schwangerschaft bei den Großeltern, am Wochenende beim berufstätigen Vater.
So kam es, dass wir lange „durchhielten“ und die Vierlinge erst in der 35. SSW in Berlin per Kaiserschnitt geholt wurden, nachdem alle Organe voll ausgebildet waren, kein nennenswertes Wachstum der Kinder im Mutterleib mehr zu erwarten war und das Risiko eines Gebärmutterrisses vermieden werden sollte. Das Klinikpersonal arbeitete hoch professionell. Mit einem Heer an Ärzten, Hebammen und Kinderärzten wurden die Kleinen versorgt, umsorgt, untersucht. Drei hatten ein Geburtsgewicht von über 1.800 Gramm, nur eines lag unter 1.500 Gramm. Alle Vier atmeten sofort selbständig, so dass auf den Inkubator verzichtet werden konnte und sie direkt ins Wärmebettchen kamen. Der Vater konnte während und nach der Geburt überall dabei sein. Auch die Mutter wurde im Krankenhaus vor allem vom Sozialpädagogischen Dienst und einer Psychologin liebevoll betreut. Alle Ängste, Sorgen und Nöte der Mutter wurden aufgefangen, die Stillprobleme begleitet, der Rollstuhl organisiert, um die Kleinen besuchen zu können. Leider fehlte die Abstimmung zwischen der Frühgeborenenstation und den Mitarbeitern des Sozialpädagogischen Dienstes fast völlig. So kam es, dass die Mutter ihre Kinder nur selten in den Arm nehmen oder füttern konnte. Sie musste Milch abpumpen, während der Vater und die beiden Geschwister die Kleinen umsorgen konnten.
Nach vier Wochen konnten alle Vier nach Hause kommen. Der Oberbürgermeister unseres Wohnortes Potsdam finanzierte eine Tagesmutter für die ersten drei Jahre. Der Arbeitgeber unterstützte die junge Großfamilie mit ihren sechs Kindern zwischen 0 und 3 Jahren, indem der Vater zwei Jahre lang Elternzeit nehmen konnte und in dieser Zeit nur eine Wochenarbeitszeit von 28 statt 40 Stunden hatte. Nach anfänglichem, allerdings bald vergeblichem Bemühen, diese Herausforderung alleine mit der Tagesmutter zu bewältigen, riefen wir bald nach Hilfe. Das Jugendamt reagierte prompt und organisierte für das erste Jahr einen 24-Stunden-Dienst. Auch die medizinische Versorgung wurde vorrausschauend in die Wege geleitet. Die Kleinen bekamen alles, was für ihre Entwicklung nötig war. Die Kinderärztin, Physiotherapeuten und Osteopathen kamen häufig und regelmäßig ins Haus. Jährlich wurde besonders unsere Kleinste von der Klinik untersucht, um eventuelle Entwicklungsverzögerungen frühstmöglich zu entdecken. Heute sind wir sehr dankbar, dass alle präventiven Maßnahmen und Betreuungsangebote so unbürokratisch und selbstverständlich in die Wege geleitet wurden. Manchmal jedoch wäre es wünschenswert gewesen, dass wir uns selbst statt der externen Hilfen mehr um die liebevolle Betreuung der Kinder hätten kümmern können, anstatt sauber zu machen, zu kochen, zu bügeln, einzukaufen usw.
Unsere Frühchen sind nun fünfeinhalb Jahre alt. Dank der umsichtigen Aufklärung über die Frühgeborenenproblematik und aller nur denkbaren fachlichen, organisatorischen und psychologischen Hilfen ist unsere achtköpfige Familie gut zusammengewachsen. Die Kleinen können nächstes Jahr wie ihre Altersgenossen eingeschult werden. Körperlich und geistig sind sie alle fit.









